Immanuel Kant

Kant setzte Freiheit, den freien Willen und Logik über Religion und Fürsten. Aus heutiger Sicht selbstverständlich, damals nur möglich, weil er einzigartig klug und systematisch dies vorbereitete und lehrte. Er fasste es in Werke, Vorträge, Texte und Analysen, die nur wenige wirklich verstanden. Er hat Erkennen und Analyse erstmals sinnvoll und richtig beschrieben; nach ihm war methodisches wissenschaftliches Arbeiten erst möglich. Kant ist der Urvater und Begründer der modernen Logik, der Wissenschaft und der modernen westlichen Welt. Und er verbindet logisches wissenschaftliches Denken mit höchster Ethik.

Heute wirkt Kant sehr kompliziert und unnötig verwirrend; er verwandte Begriffe, die man heute so nicht mehr nehmen würde. Man sollte deshalb seine Erkenntnisse auf eine übersichtliche, verständliche Basis bringen. Die Texte von Berufsphilosophen sind oft schwer verstehbar.

Kant leistete Großartiges. Er führte Europa in die Neuzeit. Er musste den ganzen Ballast des mystischen, scholastischen, irrationalen, religiösen und feudalistischen Denkens überwinden. Er beendete das Mittelalter. Er hat den Scholastiker, Fürsten und Theologen eine Grenze gezogen – er hat eine Zeit- und Geschichtsgrenze gesetzt. Bis Kant war die europäische Welt dunkles Mittelalter, ähnliches archaisch-mystisches Denken, wie wir es vor einigen Jahrzehnten noch bei unentdeckten Stämmen Papua-Neuguineas vorfanden.  Natürlich in Europa kulturell verfeinert, mit Kirchen-Schriften-Hochkultur-Vatikan-Rechtssprechung-Verwaltung-Kaiser-uvm., aber im Prinzip dasselbe.

Kant musste diese alte überkommene Gedankenwelt erst mal selbst richtig erkennen, durchschauen, darstellen, widerlegen und deren Protagonisten (vor allem Klerus und Adel) mit ihren eigenen Waffen schlagen. Und da stand er alleine gegen eine ganze Welt, die nun seit fast 1500 Jahren so funktionierte und dachte.

Kant war der entscheidende Mensch, der Europa und damit die Welt in die neue Zeit hob und damit die Renaissance, die Aufklärung und den Humanismus in Europa verankerte. Wir sehen heute in vielen Ländern, Regionen und Kontinenten, wie sehr in diesen Welten dieser wichtige Schritt zu einer modernen Gesellschaft fehlt.

In Tokio im Tempel der Philosophen hängt seit über 100 Jahren ein Bild mit dem Titel Die vier Weltweisen mit der Darstellung von Buddha, Konfuzius, Sokrates und Kant

Mit seinem kritischen Denkansatz („habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“) ist Kant der wohl wichtigste Denker der deutschen Aufklärung. Die letzten 15 Jahre seines Lebens waren gekennzeichnet durch den sich stetig zuspitzenden Konflikt mit der Zensurbehörde, deren Leitung der preußische König inne hatte.

Er verfasste eine Abhandlung Der einzige mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes, in der Kant zu erweisen versucht, dass alle bisherigen Beweise für die Existenz Gottes nicht tragfähig sind, und eine eigene Version des ontologischen Gottesbeweises entwickelt, die diesen Mängeln abhelfen soll.

In einem Edikt wurde Kant die „Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums“ zur Last gelegt. Kant lehrte weiter, erhielt aber die Weisung, sich religiöser Schriften zu enthalten, da er deistisches und sozianianisches Gedankengut verbreiten würde, das nicht mit der Bibel vereinbar sei. Hierauf beklagten sich seine Freunde beim König, der aber die Beschwerde ablehnte.

Die 4 wesentlichen Kantischen Fragen:

  1. Was kann ich wissen ?
  2. Was soll ich tun ?
  3. Was darf ich hoffen ?
  4. Was ist der Mensch ?

Kritik der reinen Vernunft :

Diese Analyse behandelt die Bedingungen der Erkenntnis, die unabhängig von jedem Vorurteil und vermeintlichen Vorkenntnissen möglich sind, in drei Abschnitten: Analytik der Begriffe und der Analytik der Grundsätze - und welche Urteile sich daraus ableiten lassen. Schließlich behandelt Kant in seiner Methodenlehre didaktische und argumentative Verfahren, die an die Stelle der älteren und dogmatischen (unlogischen, scholastischen, mystischen) Verfahren treten. Das Buch wurde 1827 wegen der darin enthaltenden Widerlegungen der Gottesbeweise vom Vatikan auf das Verzeichnis verbotener Bücher gesetzt.

In dem Versuch der menschlichen Vernunft, die sinnliche Wahrnehmung zu übersteigen, verwickelt sie sich in Widersprüche. Der Mensch will die Welt um sich herum emotional sinnlich interpretieren. Kant analysiert diese unvermeidlichen Irrtümer und Widersprüche. Er erkennt erstmals sehr deutlich, wo irrationale Argumentationen (Kirche, Scholastik, Feudalismus, usw.) zu unauflöslichen Widersprüchen führen müssen.

Erkenntnistheorie :

„Was kann ich wissen?“ Unter welchen Bedingungen ist Erkenntnis möglich? Oder – wie Kant es formuliert –: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis?

Die Kritik der reinen Vernunft ist eine Auseinandersetzung mit den veralteten Gedanken bis zum 18. Jahrhundert. Im Kern sagt er, dass sinnliche Wahrnehmung unstrukturiert bleibt, wenn der Verstand nicht ordnet, Begriffe setzt und durch logische Urteile mit der Wahrnehmung verbindet.

Für Kant erfolgt Erkenntnis in Urteilen. In diesen Urteilen werden die sinnlichen Wahrnehmungen mit dem Verstand verbunden. Sinnlichkeit und Verstand sind die beiden einzigen, gleichberechtigten und voneinander abhängigen Quellen der  Erkenntnis. „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“

Wie kommt es nun zur Erkenntnis? Raum und Zeit sind die Formen aller sinnlichen Vorstellungen von Gegenständen überhaupt, weil wir uns diese ohne Raum und Zeit nicht vorstellen können. Die Sinne sind aber rezeptiv, d. h. sie müssen von außen angeregt werden.

Nach Kant erkennen wir nicht das wertfreie Ding, sondern belegen es sofort mit Emotionen und Interpretationen. Der Mensch erkennt etwas und überlagert es gleich so, dass eine Entsprechung mit der Außenwelt oft gar nicht mehr gegeben ist. Solche aus wahllosen Elementen zusammengesetzten Wahrnehmungen plus Interpretation (empirische Anschauungen) nennt Kant Empfindungen. Dies bedeutet, dass vermeintliche Erkenntnis immer erst mal irrational subjektiv ist.

Wahrnehmungen plus Interpretation führen nicht zu sachlichen Urteilen. Sie sind zunächst völlig unbestimmt. Der logische Verstand muss also erlernt werden. Das unvoreingenommene Denken ist der Angelpunkt der Kantischen Erkenntnistheorie.

Mit der Kombination Verstand und Empfindungen (Wahrnehmung und Interpretation) wird gedacht. Ein Schema ist z. B. sehe ich auf der Straße ein vierbeiniges Etwas. Ich erkenne: dies ist ein Dackel. Ich weiß: ein Dackel ist ein Hund, ist ein Säugetier, ist ein Tier, ist ein Lebewesen. Und nun kommt es zu allen möglichen Assoziationen, Erinnerungen, Gedankenverknüpfungen und Emotionen.

Die grundlegende Frage Kants ist: gibt es aus Verstandesüberlegungen Erkenntnisse? Kants Antwort ist „Ja“, wenn wir nicht alles vermischen. In unserer sinnlichen Wahrnehmung erkennen wir vieles ganz ungeordnet. Die Verknüpfung als Ursache und Wirkung entzieht sich aber, Kausalität wird von uns hinein interpretiert. Wir verstehen Kausalität als Grundprinzip der Natur – weil wir die Kausalität in die Natur, wie sie uns erscheint, hineindenken. Wir müssen also sehr kritisch sein, wie wir unsere  sinnlichen Wahrnehmungen interpretieren. Heute meist (auch nicht immer, im täglichen Leben meist gar nicht) klar, damals völlig neu.


Grundlegung der Moralphilosophie :

„Was soll ich tun?“ , der sog. „kategorische Imperativ“. Er untersucht moralisch verbindliche Aussagen. Nicht die Religion, sondern nur die sog. „praktische Vernunft“ kann diese Frage beantworten. Drei Elemente sind wesentlich: der gute Wille, die Freiheit des Willens und die logische Form. Für den Menschen, der kein reines Vernunft, sondern zugleich ein sinnliches Wesen ist und sittlich sein soll, drückt sich dieses Prinzip in der Formel eines kategorischen Imperativs als unbedingte Forderung aus:

„ .....handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen
Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.“
„ .... handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der
Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß
als Mittel brauchst.“
„Demnach muss ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es
durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im
allgemeinen Reiche der Zwecke wäre.“

Als autonomes Wesen verfügt der Mensch nach Kants Auffassung über Freiheit und Menschenwürde. Der Mensch ist zu sittlichem Handeln fähig, tut es aber leider meist nicht. Der Mensch kann sich an moralischen Prinzipien und der Vernunft orientieren. Es gehört für Kant zu den Pflichten, das Glück anderer Personen durch uneigennütziges Handeln zu befördern.

Moderne Gesellschaft und Ethik :

Kant untersucht den Vernunftgehalt der Religion. Man kann im Verlauf der Geschichte keine göttliche Absicht finden. Geschichte ist ein Abbild des Menschen, der frei ist. Seine Rechtsphilosophie mündet in einem umfassenden Völkerbund:

„Denn wenn das Glück es so fügt: dass ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muss) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrechts zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

Aufklärung und Revolution :

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Kant war ein starker Befürworter der französischen Revolution, und musste deshalb mit Sanktionen rechnen. Konsequentes moralisches Handeln ist für Kant nicht möglich ohne den Glauben an Freiheit. Daher ist die Moral das Ursprüngliche, die Religion und die Politik haben zu folgen.


Naturwissenschaften :

Kant bahnt die Zukunft Europas durch objektives, rationales und wissenschaftliches Denken. Er sagt, wir sahen bisher die Umwelt und die Zusammenhänge der Natur so, als ob ein Zweck darin liege. Zweck ist dabei keine Eigenschaft von  Gegenständen, sondern wird von uns gedacht und in die Objekte hineingelegt. Es wurde bis dahin alles vermischt mit Meinung, Rhetorik, Religion, Macht, Politik, subjektiven Urteilen und zur Durchsetzung von Partikularinteressen.

Und damit trennt er nun Religion und Naturwissenschaft endgültig; er sagt, wir müssen uns hüten Naturwissenschaften mit Religion zu vermengen: „Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Kontext den Begriff von Gott hereinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit in der Natur erklärlich zu machen, und hernach diese Zweckmäßigkeit wiederum braucht, um zu beweisen, dass ein Gott sei: so ist in keiner von beiden Wissenschaften innerer Bestand.“ Argumente und Erkenntnisse müssen rational, ein Urteil muss allgemeingültig sein. Erkenntnisse sind wissenschaftlich und logisch zu sichern. Ein gesichertes Urteil hat für jedermann Gültigkeit und ist auch durch keine Diskussion wegzudenken, Meinungen spielen keine Rolle.

Anthropologie: Mit der Frage „Was ist der Mensch?“ setzte sich Kant vorwiegend empirisch auseinander. Dabei hat er eigentlich komplett versagt und sich verzettelt. Er pochte auf sittliche Pflichten und interpretierte damit den Menschen. Viele der  empirischen Aussagen Kants zur Anthropologie sind aus heutiger Sicht unhaltbar und durch Vorurteile geprägt, da Kant die in seinen Quellen vorfindlichen abwertenden Aussagen, besonders über andere Kulturen und Völker, in seinen eigenen Äußerungen noch verschärfte. Aber Kant hat viele Denkprozesse auf den Weg gebracht, die bis dahin „niemand gedacht hat“.