Wilhelm von Humboldt

Die Entwicklung einer humanistischen Bildung wie auch deren Verankerung in staatlichen Institutionen war das Werk Wilhelm von Humboldts. Er propagierte die Persönlichkeitsbildung in intellektueller, ethischer und ästhetischer Hinsicht: „Wir haben in den Griechen eine Nation vor uns, unter deren glücklichen Händen alles, was unserm innigsten Gefühl nach das höchste und reichste Menschendasein bewahrt, schon zu letzter Vollendung gereift war; wir sehen auf sie wie auf einen aus edlerem und reinerem Stoff geformten Menschenstamm, auf die Jahrhunderte ihrer Blüte wie auf eine Zeit zurück, in welcher die noch frischer aus der Werkstatt der Schöpfungskräfte hervorgegangene Natur die Verwandtschaft mit ihnen noch unvermischter
erhalten hatte“.

Humboldt war als Leiter der Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts mit der Neuordnung des staatlichen Bildungswesens beauftragt. Viele zeitgenössische Geistesgrößen waren davon beeinflusst und warben dafür, so zum Beispiel auch Hegel im Jahre 1809: „Lassen wir es gelten, dass überhaupt vom Vortrefflichen auszugehen ist, so hat für das höhere Studium die Literatur der Griechen vornehmlich und dann die der Römer die Grundlage zu sein und zu bleiben. Die Vollendung und Herrlichkeit dieser Meisterwerke muss das geistige Bad, die profane Taufe sein, welche der Seele den ersten und unverlierbaren Ton und Tinktur für Geschmack und Wissenschaft gebe.“

Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielte Humboldts humanistische Ausrichtung an Gymnasien wie im Hochschulwesen eine wichtige Rolle. Seit der Jahrhundertmitte wurde die zeitlose Gültigkeit des idealisierten Griechenlandbildes allerdings zunehmend in Zweifel gezogen und durch den Wandel zur Industriegesellschaft mit verändertem Qualifikationsbedarf herausgefordert. Allerdings ist es weiterhin so, dass Gymnasiasten mit humanistischer Bildung höchste berufliche Erfolge erzielen; diese
humanistische Bildung formt einen Menschen sehr positiv. Dieses Auswendig- Lernen, altes Latein, die Rhetorik, Denken, Ratio, Erlernen mit Fleiß und Disziplin, und die damit verbundene profunde Menschenbildung prädestiniert diese Menschen für höchste Ämter und Aufgaben.

Im Kern bedeutet dies für den einfachen berufstätigen Menschen heute: Heute ist es selbstverständlich in Europa und Nordamerika diese Erkenntnisse und Errungenschaften zur Verfügung zu haben, freien Zugang zu diesen Werken und einer Umsetzung im alltäglichen Leben. All dies ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen. Dieser sehr hohe Wert wird nicht mehr wahrgenommen, weil selbstverständlich. Diese hohen Ideale und Werte sind mehr wert als alles andere, über das die westliche Welt verfügt. Freiheit, Menschlichkeit und Bildung sind unser Fundament, auf denen dieser sagenhafte und einzigartige Erfolg nachhaltig beruht. Möglicherweise wird es sich als Fehler erweisen, dass wir die humanistische
Bildung so leichtfertig aufgegeben haben. Natürlich kann man dies auch durch andere Inhalte kompensieren, das tut aber derzeit niemand.