Friedrich Schiller

Friedrich Schiller ist für die unschätzbar hohen Ideale und Werte der westlichen Welt der entscheidende Protagonist. Er hat, wie kein anderer, beeindruckend deutlich erkannt und formuliert, wohin sich der aufgeklärte Mensch entwickeln muss. Heute haben wir das alles so "internalisiert" und übernommen. Man muss sich vergegenwärtigen - er war der erste, der dies so deutlich und eindeutig sagte. Er forderte die Freiheit und die Freiheit der Gedanken und Meinungen. Er hat die Gedanken der französischen Revolution verstanden und artikuliert.

Schiller führte Europa vom kleinstaatlichen absolutistischen Zeitalter in das zunehmende bürgerliche Selbstbewusstsein. Sein überzogener Pathos und Empfindsamkeit waren notwendig, um die unsäglichen Mißstände bedingt durch den grausamen Adel und Klerus eindeutig aufzuzeigen. Aristokratischer und kirchlicher Herrschsucht stellt er das Individuum und die Menschlichkeit gegenüber.

Eine ästhetische Erziehung des Menschen und die Verbindung von Verstand und Gefühl sollen den gewaltfreien Übergang zu einem vernünftigen Staat bahnen. Er brachte seiner deutschsprachigen Leserschaft auch die Vernunft-, Humanitäts- und Freiheitsideale des 18. Jahrhunderts näher. Er sieht im „Bau einer wahren politischen Freiheit“ das „vollkommenste aller Kunstwerke“. Kein Wunder, dass ihm Adel, reiches Großbürgertum und Klerus misstrauten und keiner ihm eine dotierte Position angeboten hatte.

Was sich Schiller von Literatur und Bühne erwartete, sind Ideale, die zeitlos sind: eine Schärfung der Urteilskraft, einen sichereren Sinn für das Gerechte, Mitgefühl für andere Menschen, Erkenntnis der Geschichte, anderer Völker und Sitten, Erziehung zu mehr Toleranz in jeder Hinsicht. Was kann eine Schaubühne bewirken?, so lautete das Thema der Vorlesung, die Schiller vor der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft hielt. Dieser Vortrag fand damals kein Gehör, das „Establishment“ wollte davon nichts hören und nichts wissen. Dieser Vortrag beschreibt, wie Schiller dachte; er selbst formulierte im Stile seiner Zeit sehr schwer verständlich, nachfolgend in besser verständlichem
einfachen Deutsch :

1. Theater und Literatur: Diskrepanz zwischen geringem Ansehen u. bedeutsamen Potenzial.
....... man verurteilt den jungen Mann, der, gedrungen von innerer Kraft, aus dem engen Kerker einer Brotwissenschaft heraustritt und dem Rufe des Gottes folgt, der in ihm ist! – Ist das die Rache der kleinen Geister an dem Genie! Rechnen sie vielleicht ihre Arbeit darum so hoch an, weil sie ihnen so sauer wurde! – Trockenheit, Ameisenfleiß und gelehrte Taglöhnerei werden unter den ehrwürdigen Namen Gründlichkeit, Ernst und Tiefsinn geschätzt, bezahlt und bewundert. Nichts ist bekannter und  ichts gereicht zugleich der gesunden Vernunft mehr zur Schande als der unversöhnliche Hass, die stolze Verachtung, womit Fakultäten auf freie Künste heruntersehen – und diese Verhältnisse werden forterben, bis sich Gelehrsamkeit und Geschmack,
Wahrheit und Schönheit, als zwei versöhnte Geschwister umarmen.

2. Theater und Literatur haben eine öffentliche Bedeutsamkeit ersten Ranges:
'Was wirkt Bühne und Literatur?' – Die höchste und letzte Forderung, welche der Gesetzgeber einer öffentlichen Anstalt machen kann, ist Beförderung allgemeiner Glückseligkeit. Die Notwendigkeiten des physischen Lebens werden immer sein erstes Augenmerk sein. Was die Menschheit innerhalb ihres Wesens veredelt, sein höchstes Augenmerk. Bedürfnis des täglichen Lebens sind drängender – Bedürfnisse des Geistes vorzüglicher. Wer beweisen kann, dass Theater und Literatur als sehr wichtige Menschen- und Volksbildung wirken, hat ihren hohen Rang im Staats belegt.

3. Vorrang des Dramas vor Lyrik und Epos
"......“ diese Ausführungen Schillers scheinen eher unwichtig.

4. Kunst - die harmonische Vereinigung von Sinnlichkeit und Verstand
Ein Hang nach dem Neuen und Außerordentlichen, ein Verlangen, sich ineinem leidenschaftlichen Zustande zu fühlen, hat Theater und Literatur hervorgebracht. Erschöpft von den einförmigen Geschäften des Berufs musste der Mensch eine Leerheit in seinem Wesen fühlen, die dem ewigen Trieb nach Tätigkeit zuwider war. Diesen Nutzen leistet überhaupt nur die Kunst oder das Gefühl für das Schöne. Ein weiser Gesetzgeber ist sich der Bedeutung der Kunst bewusst und nutzt diese als Werkzeuge für Unterhaltung, aber auch Bildung.

5. Theater – Literatur – Religion
Eines Staats festeste Säule sei die Religion, und dass ohne sie die Gesetze selbst ihre Kraft verlieren, dies begründet den hohen Wert von Literatur und Theater. Eben diese Unzulänglichkeit, diese schwankende Eigenschaft der politischen Gesetze, bestimmt den ganzen Einfluss von Religion, Literatur und Theater. Gesetze drehen sich nur um verneinende Pflichten, lösen den ethischen Zusammenhang der Gesellschaft auf, die Gerichtsbarkeit ist ungerecht vordergründig und Gesetze sind wandelbar. Religion, Literatur und Theater dehnen ihre Forderungen auf wirkliches Handeln aus, sie setzen ihre Gerichtsbarkeit bis in die verborgensten Winkel des Herzens fort und verfolgen den Gedanken bis an die innerste Quelle und bewirken im Ganzen die ethische Bildung des Volks. Welche Verstärkung für Religion und Gesetze, wenn sie mit Theater, Kunst und Literatur in Bund treten, wo Anschauung und lebendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Torheit und Weisheit in tausend Gemälden fasslich und wahr an dem Menschen vorübergehen, wo die Vorsehung ihre Rätsel auflöst, ihren Knoten vor seinen Augen entwickelt, wo das menschliche Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt und die Wahrheit unbestechlich Gericht hält.

6. Kunst, Theater und Literatur ergänzen die Justiz
Die Gerichtsbarkeit des Theaters und der Literatur fängt an, wo weltliche Gesetze enden. Wenn Geld blind macht, wenn Wohlleben und Laster schwelgen, wenn die Frevel der Mächtigen ungesühnt bleiben, wenn sich Menschen vor der Obrigkeit fürchten, dann übernimmt die Schaubühne Schwert und Waage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl. Das ganze Reich der Phantasie und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft stehen ihrem Wink zu Gebot. Kühne Verbrecher, die längst schon im Staub vermodern, werden durch den allmächtigen Ruf der Dichtkunst jetzt vorgeladen und wiederholen zum schauervollen Unterricht der Nachwelt ein schändliches Leben. Ohnmächtig, gleich den Schatten in einem Hohlspiegel,
wandeln die Schrecken ihres Jahrhunderts vor unsern Augen vorbei, und mit wollüstigem Entsetzen verfluchen wir ihr Gedächtnis. Wenn keine Religion mehr Glauben findet, und da, wo kein Gesetz mehr greift, wird uns Literatur und Theater immer noch mit heilsamen Schauer ins Gewissen reden.

7. Die Schaubühne übt mehr moralische Wirkung aus als das Gesetz
"Es ist nicht Übertreibung, wenn man behauptet, daß diese auf der Schaubühne aufgestellten Gemälde mit der Moral des gemeinen Manns endlich in eins zusammenfließen, und in einzelnen Fällen seine Empfindung bestimmen. Ich selbst bin mehr als einmal ein Zeuge gewesen, als man seinen ganzen Abscheu vor schlechten Taten in dem Scheltwort zusammenhäufte: Der Mensch ist ein Franz Moor. Diese Eindrücke sind unauslöschlich, und bei der leisesten Berührung steht das ganze  abschröckende Kunstgemälde im Herzen des Menschen wie aus dem Grabe auf. So gewiss sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstabe und kalte Erzählung, so gewiss wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze."

8. Die Schaubühne straft, was Gesetze durchgehen lassen
"Aber hier unterstützt sie die weltliche Gerechtigkeit nur – ihr ist noch ein weiteres Feld geöffnet. Tausend Laster, die jene ungestraft duldet, straft sie; tausend Tugenden, wovon jene schweigt, werden von der Bühne empfohlen. Hier begleitet sie die Weisheit und die Religion. Aus dieser reinen Quelle schöpft sie ihre Lehren und Muster und kleidet die strenge Pflicht in ein reizendes, lockendes Gewand. Mit welch herrlichen Empfindungen, Entschlüssen, Leidenschaften schwellt sie unsere Seele, welche göttliche Ideale stellt sie uns zur Nacheiferung aus! – ... Wenn Franz von Sickingen. auf dem Wege, einen Fürsten zu züchtigen und für fremde Rechte zu kämpfen, unversehens hinter sich schaut und den Rauch aufsteigen sieht von seiner Veste, wo Weib und Kind hilflos zurückblieben und er – weiterzieht. Wort zu halten – wie groß wird mir da der Mensch, wie klein und verächtlich das gefürchtete unüberwindliche Schicksal! Ebenso hässlich, als liebenswürdig die  Tugend, malen sich die Laster in ihrem furchtbaren Spiegel ab. ... "

9. Theater verschafft Selbsterkenntnis und befreit von Dummheit, dem Grund vieler Verbrechen
Das Glück der Gesellschaft wird ebenso durch Torheit als durch Verbrechen gestört. Mein Verzeichnis von Bösewichtern wird mit jedem Tage, den ich älter werde, kürzer, und mein Register von Toren vollzähliger und länger. Ich kenne nur ein Geheimnis, den Menschen vor Verschlimmerung zu bewahren, und dieses ist – sein Herz gegen Schwächen zu schützen. Einen großen Teil dieser Wirkung können wir von der Schaubühne erwarten. Sie ist es, die der großen Klasse von Toren den Spiegel vorhält und die tausendfachen Formen derselben mit heilsamem Spott beschämt. Was sie oben durch Rührung und Schrecken wirkte, leistet sie hier (schneller vielleicht und unfehlbarer) durch Scherz und Satire. Spott und Verachtung verwunden den Stolz des Menschen empfindlicher, als Verabscheuung sein Gewissen foltert. Die Schaubühne allein kann unsre Schwächen belachen, weil sie unsrer Empfindlichkeit schont. Ohne rot zu werden sehen wir unsre Larve aus ihrem Spiegel fallen und danken insgeheim für die sanfte Ermahnung.

10. Theater zeigt das "Böse" in der Welt und die Widrigkeiten desSchicksals
Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele. Sie macht mit den Lastern bekannt - mit diesen Lasterhaften, diesen Toren müssen wir leben. Wir müssen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimnis verraten, sie ausfindig und unschädlich zu machen. Sie zog dem Heuchler die künstliche Maske ab und entdeckte das Netz, womit uns List und Kabale umstrickten. Betrug und Falschheit riss sie aus krummen Labyrinthen hervor und zeigte ihr schreckliches Angesicht dem Tag. Die arglose Unschuld kennt jetzt die Schlingen des Bösen, die Bühne lehrt uns Täuschungen zu erkennen.

11. Kunst, Literatur und Theater stärken uns für das eigene Leben (Schicksal)
Im Gewebe unsers Lebens spielen Zufall und Plan eine gleich große Rolle; den letzten lenken wir, dem erstem müssen wir uns blind unterwerfen. Gewinn genug, wenn unausbleibliche Verhängnisse uns nicht ganz ohne Fassung finden, wenn unser Mut, unsre Klugheit sich einst schon in ähnlichen übten und unser Herz zu dem Schlag sich gehärtet hat. Die Schaubühne führt uns eine mannigfaltige Szene menschlicher Leiden vor. Sie zieht uns künstlich in fremde Bedrängnisse und belohnt uns das augenblickliche Leiden mit wollüstigen Tränen und einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung.

12. Die Schaubühne gibt uns Mitgefühl, macht uns gerechter gegen die geschundene Kreatur
"Aber nicht genug, daß uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe seiner Bedrängnisse ausmessen, dürfen wir das Urteil über ihn aussprechen. ... Selbstmord wird allgemein als Frevel verabscheut; wenn aber, bestürmt von den Drohungen eines wütenden Vaters, bestürmt von Liebe, von der Vorstellung schrecklicher Klostermauern, Marianne das Gift trinkt, wer von uns will der erste sein, der über dem beweinenswürdigen Schlachtopfer einer verruchten Maxime den Stab bricht? – Menschlichkeit und Duldung fangen an,der herrschende Geist unsrer Zeit zu werden; ihre Strahlen sind bis in die
Gerichtssäle und noch weiter – in das Herz unsrer Fürsten gedrungen. Wieviel Anteil an diesem göttlichen Werk gehört unsern Bühnen? Sind sie es nicht, die den Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheimeRäderwerk aufdeckten, nach welchem er handelt?... Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen. So groß und vielfach ist das Verdienst der bessern Bühne um die sittliche  Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die ganze Aufklärung des Verstandes. Eben hier in dieser höhern Sphäre weiß der große Kopf, der feurige Patriot sie erst ganz zu gebrauchen."

13. Theater, Kunst und Literatur dienen der Aufklärung
"Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden bessern Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht."

14. Die Schaubühne als Schule der Toleranz und der Gleichberechtigung des Differenten
"Noch ehe uns Nathan der Jude und Saladin der Sarazene beschämten und die göttliche Lehre uns predigten, daß Ergebenheit in Gott von unserm Wähnen über Gott so gar nicht abhängig sei ... pflanzte die Schaubühne Menschlichkeit und die Sanftmut in unser Herz, die abscheulichen Gemälde heidnischer Pfaffenwut lehrten uns Religionshaß vermeiden – in diesem schrecklichen Spiegel wusch das Christentum seine Flecken ab. Mit ebenso glücklichem Erfolge würden sich von der    Schaubühne Irrtümer der Erziehung bekämpfen lassen; das Stück ist noch zu hoffen, wo dieses merkwürdige Thema behandelt wird. Keine Angelegenheit ist dem Staat durch ihre Folgen so wichtig als diese, und doch ist keine so preisgegeben, keine  dem Wahne, dem Leichtsinn des Bürgers so uneingeschränkt anvertraut, wie es diese ist. Nur die Schaubühne könnte die unglücklichen Schlachtopfer vernachlässigter Erziehung in rührenden, erschütternden Gemälden an ihm vorüberführen ... Nicht weniger ließen sich – verstünden es die Oberhäupter und Vormünder des Staats – von der Schaubühne aus die Meinungen der Nation über Regierung und Regenten zurechtweisen ... "

15. Die Schaubühne bildet den Geist der Nation – wie einst in Griechenland
"Unmöglich kann ich hier den großen Einfluss übergehen, den eine gutestehende Bühne auf den Geist der Nation haben würde. Nationalgeist eines Volks nenne ich die Ähnlichkeit und Übereinstimmung seiner Meinungen und Neigungen bei Gegenständen, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet. Nur der Schaubühne ist es möglich, diese Übereinstimmung in einem hohen Grad zu bewirken, weil sie das ganze Gebiet des menschlichen Wissens durchwandert, alle Situationen des Lebens erschöpft und in alle Winkel des Herzens hinunterleuchtet; weil sie alle Stände und Klassen in sich vereinigt und den gebahntesten Weg zum Verstand und zum Herzen hat. Wenn in allen unsern Stücken ein Hauptzug herrschte, wenn unsre Dichter unter sich einig werden und einen festen Bund zu diesem Endzweck errichten wollten – wenn strenge Auswahl ihre Arbeiten leitete, ihr Pinsel nur Volksgegenständen  sich weihte – mit einem Wort, wenn wir es erlebten, eine  Nationalbühne zu haben, so würden wir auch eine Nation. Was kettete Griechenland so fest aneinander! Was zog das Volk so unwiderstehlich nach seiner Bühne! – Nichts anders als der vaterländische  Inhalt der Stücke, der griechische Geist, das  große überwältigende Interesse des Staats, der besseren Menschheit, das in denselbigen atmete."

16. Die Schaubühne stiftet die schöne Harmonie der Seelenkräfte, vereint Menschen im erhabenen Gefühl, ein Mensch zu sein
" Der Mensch, überladen von tierischem Genuß, der langen Anstrengung müde, vom ewigen Triebe nach Tätigkeit gequält, dürstet nach bessern, auserlesnen Vergnügungen, oder stürzt zügellos in wilde Zerstreuungen, die seinen Hinfall beschleunigen  und die Ruhe der Gesellschaft zerstören. ... Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der andern gespannt, kein   Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird. Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsame Stunden vergiftet, wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seelen drücken und unsre Reizbarkeit  unter Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben, unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das Blut in frischeren Wallungen. Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eigenen aus – der Glückliche wird nüchtern und der Sichere besorgt. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Manne, der  rohe Unmensch fängt hier zum erstenmal zu empfinden an. Jeder einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum – es ist diese: ein  Mensch zu sein."