Die Märchen

Die deutschen Märchen werden wahrscheinlich in ihrer Bedeutung überschätzt. Interpretationen sind widersprüchlich und je nach Berufsgruppe gefärbt. Inhalte und vermeintlicher Sinn ergeben nahezu regelhaft kein kongruentes Bild.

Beispielsweise wird das Märchen vom Froschkönig so interpretiert:

  • Der Brunnen ist Vagina und Gebärmutter der Mutter,
  • der glitschig-feuchte Frosch steht für die Säfte aktiver Sexualität,
  • der Sohn (Frosch) kann sich dem Einfluss der mächtigen Mutter nicht entziehen.
  • Die Prinzessin ist überbehütet und partnerschaftsunfähig.
  • Im Zorn kommt es zur befreienden Eruption
  • und erst jetzt sind eine Partnerschaft und Sexualität möglich.
  • Ob man das so glauben muss? Ob sich das vormals irgendjemand wirklich so gedacht hat? Und wer soll das gewesen sein?

Am ehesten sind diese Texte einer alten archaisch-mystischen Denkart zuzuordnen. Der Jung ́sche Archetypus, der sich in allen Kulturen ähnlich darstellt, geprägt von einem harten Überlebenskampf, vor allem auf dem Land, wo es für freiheitliche oder kulturelle Entwicklungen keinen Raum und keine Kapazitäten gab. Agile sehr alte Menschen sagen, dass es bis zum Beginn der Bundesrepublik "keine Liebe gab". Kinder wurden verkauft, als "Bankert" sklavisch und bösartig in jeder Hinsicht  missbraucht. Frauen außerhalb sicherer familiärer Strukturen waren ausgeliefert. Die Menschen konnten Willkür, Hass, Hunger und Krankheiten nicht entkommen. Christentum gaukelte ein besseres Leben im Jenseits vor, war aber nur ständiger Druck und die Ermahnung vor Sünde mit Verweis auf Hölle und Fegefeuer.

Im Sommer arbeiteten die Menschen bis zur Erschöpfung, junge Männer fielen mit 30 Lj. tot um, weil sie einfach ausgelaugt und erschöpft waren. Im Winter war es damals eiskalt und tief verschneit, ganz wenig bis nichts zu essen, sehr viele starben im Winter. Ein Raum war geheizt, aber oft nicht gelüftet (Holz war sehr wertvoll, Oberbayern war fast abgeholzt), Alte hatten Rheumaschübe und chronisch septische Infektionen.

Im besten Falle saß man zusammen und hat Lieder gesungen und Musik gemacht, daraus leitete sich dann der sog. Hoagarten" und später die Musikantenstadel ab. Das war die feine Art, aber sehr rar. Und die Kinder wurden restriktiv erzogen. Das Prinzip war Einschüchterung, Unterdrückung, "Angst einjagen". Kinderarbeit und Misshandlung, Prügelstrafe, seelische und körperliche Vergewaltigung waren normal. Und in diesen bedrückenden Runden wurden Geschichten erzählt. Diese Geschichten sollten vorrangig gruselig, schaurig, Angst-einflößend, erschreckend sein. Die Geschichten waren allen bereits bekannt und kursierten weit. Vor allem im Böhmischen und Niederbayrischen waren diese Grauengeschichten sehr verbreitet. Beteiligte sagen ganz eindeutig, dass es auch darum ging die Kinder einzuschüchtern. Jedes Gefühl von Freiheit oder Selbstständigkeit sollte verhindert werden. Und jeder versuchte sie noch schauriger zu erzählen als bisher. Allerdings waren diese Geschichten nicht nur oder primär für Kinder gedacht, das Geschichtenerzählen hatte eine soziale Funktion (Kontakt, Unterhaltung).

Bis zum Ende des 2. Weltkrieges war die deutsche Gesellschaft nicht frei. Die Errungenschaften von Freiheit und Humanismus haben allenfalls sehr Wohlhabende im urbanen Bereich ahnen können. Freiheit, Humanismus und Liebe, das gab es für die Menschen in Deutschland erst nach dem 2. Weltkrieg. Man kann sagen, das haben die Siegermächte, vor allem die US-Amerikaner nach Deutschland gebracht.

Vielleicht sind einige Kurzformeln möglich:

Hans im Glück: Ein Mensch kann sich von Dingen lösen, die ihn hemmen.

Eisenhans: In einem Königshaus bleibt ein Kind infantil; der Eisenhans
formt einen verantwortungsbewussten Menschen.

Der Wolf und die sieben Geißlein: Die Geißlein waren geschützt –
solange sie dem Wolf nicht verrieten, wie sie vorgingen.

Hase und Igel: Tunlichst zu vermeiden, dass man sich nicht zum
Hasen machen lässt.

Hänsel und Gretl: Kinder wurden weg gegeben, überleben war
vielerorts nicht möglich.

Aschenputtel: Disziplin und Fleiß haben ihren Lohn, auch in der
Armut. Die infantilen Schwestern scheitern.

Frau Holle: idem

Dornröschen: eine junge passive Frau schließt sich ein und „muss“ von
einem aktiven Menschen befreit werden.

Die Geschichten sind sehr bilderreich und lebhaft. Bei aller Härte und Grausamkeit siegt das Gute. Treue, Fleiß und Ehrlichkeit werden belohnt. Wer auszieht und Erfahrungen sammelt, wird zuletzt Erfolg haben. Im ungebildeten ländlichen Bereich war Geisterglaube und eine Neigung zu extrem verwobenen irrationalen Geschichten sehr ausgeprägt. Es gab keine Bildung. Geschichten von möglichen Hexen und magischen Vorgängen sowie völlig verworrenen irrationalen Begebenheiten erfreuten sich großer Beliebtheit. Eine vage Ahnung von Druden, Hexen und Geisterwelten wurde bis in die 60er Jahre kommuniziert. Jedem, der eine Geschichte erzählte, wurde gerne zugehört. Wenn Reisende ins Dorf kamen, lauschte man andächtig deren Worten. Viele Geschichten waren schon bekannt, wurden immer wieder variiert, es kam vor allem darauf an, wie man diese Geschichten erzählte; da gab es dann einige, die dies besonders gut konnten. Es gab keine logisch vernünftige Kontrollinstanz. Anerkennung bekam, wer Derartiges noch extremer darstellen konnte, sprachlich und im Erzählen auch schauspielerisch, der Wahrheitsgehalt wurde regelrecht beschworen; der besondere Erfolg, wenn am Ende große Betroffenheit und  Verunsicherung war. Beispielsweise wurde im Werdenfelser Land noch bis in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts das Konzept des Fegefeuers gepredigt und geglaubt; die Existenz von Berggeistern, da war man sich nicht mehr so ganz sicher, man erzählte das aber den Kindern, als ob dies unzweifelhaft so wäre.

Im Böhmischen, Bayrischen Wald, Pfalz und im Niederbayrischen waren die Geschichten sehr beängstigend und einschüchternd; die armen kleinen Menschen mussten bedingungslos „funktionieren“ in einem feudalen System der Ausbeutung, das schon der Versklavung gleich kam. Einer erbte, der Großbauer, alle anderen und deren Kinder mussten sich völligst gnadenlos einfügen; ähnlich in den meisten Regionen. Es gab aber auch mancherorts Raum für Schönes. Dieses Erzählen hatte eine
ganz wichtige soziale Funktion, wie das Lieder Singen, Musizieren oder Verse und Gedichte Rezitieren. Im Alpenländischen gab es dazu noch die feine Kunst des Neckens, Aufschneidens und Hereinlegens und Spaß, wenn man jemanden erfolgreich „hinters Licht geführt“ hat.

Anmerkung: Im Alpenländischen wurden die Kinder geliebt; die Höfe wurden aufgeteilt, was letztlich zu den Kleinhäuslern und zu Armut führte (Wälder und Berge abgeholzt, Kinder mit Hungerödemen, Wilderei, um nicht zu verhungern, die Männer saßen im Wirtshaus und konnten sich kein Bier leisten, gestampfte Lehmböden, vereiste Wände im Winter, uvm.). Andererseits induzierte dies kulturelle Errungenschaften, wie Volksbühnen, Komödien, Wandergesellen, Schnitzkunst, Musiker, Sänger, Gitarren- und Geigenbau. Auch interessant, dass es in den bayr. Alpen nahezu keine Hexenverbrennungen gab. Das Erzählen grausamer Geschichten gab es in Oberbayern nicht. Das lag sicher auch an den Handelswegen und der Nähe zum leichtlebigen Norditalien. Die Grausamkeiten in den Märchen sind oft sehr schlimm, derartige Greuel waren aber damals nicht unüblich, Konfrontation wurde als „notwendige Abhärtung“ erachtet. Beispielsweise wurden ja Rechtsbrüche im Mittelalter grausamst geahndet. In der britischen Besatzungszone wurden Grimms Märchen verboten, weil man einen Zusammenhang mit dem Terror in den KZs sah.

Bruno Bettelheim meinte, dass Kinder sehr gut zwischen Märchen und Realität unterscheiden könnten und im Rahmen dieser Geschichten eigene Konflikte aufarbeiten könnten. Bruno Bettelheim habe wohl den „Spitznamen Bruno Brutalheim“ gehabt, weil er wohl sehr spontan gegenüber kleinen Kindern sehr aggressiv geworden sei; ob dies stimmt oder nicht, er war auch nur ein Kind seiner Zeit – und wahrscheinlich war er besser als viele andere. In den Märchen werden Kinder misshandelt und unterdrückt, die Inhalte sind weltfremd, für niemanden, auch nicht für ein Kind übertragbar; der Liebe und Brave, Angepasste und Gehorsame wird am Ende belohnt. Andererseits müssen Kinder sehr schlau und aktiv werden, um Probleme zu lösen. Dazu müssen auch Gebote übertreten werden. Intakte Familien findet man nicht. Märchen hatten eine große Bedeutung, als es sonst nichts gab. Die Geschichten sind sehr bilderreich und lebhaft mit sehr vielen Facetten. Sie sind gewachsen und wurden bereichert und ausgeschmückt. Diese Geschichten waren alternativlos, sonst war da nichts. Das Kind profitierte von der Zuwendung und der Sprachbildung beim Vorlesen. Heute sind moderne kluge Bildbände und Geschichten bei weitem vorzuziehen und werden von den heutigen Kindern auch gewünscht und favorisiert.